Portrait von Marianne Weiß

Foto: Adil Faitout

Frauen nach vorn!

(aus “big — bie­le­feld grün”, Aus­gabe Sep­tem­ber 2008)

Es geht um mehr als um die Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf

Eine Pres­se­mel­dung über das erfolg­rei­che, von den drei Unter­neh­mens­be­ra­te­rin­nen Chris­tiane Ras­per, Alex­an­dra Busch und Chris­tina Krohn ent­wi­ckelte Pro­gramm „think lea­dership & act“ hatte Britta Haßel­mann und Mari­anne Weiß dar­auf gebracht, den Kon­takt her­zu­stel­len und sich über die schwie­ri­gen Bedin­gun­gen für die För­de­rung von Frauen in Füh­rungs­po­si­tio­nen zu infor­mie­ren. Über ein­sei­tige Sicht­wei­sen, ver­än­derte Zugänge, den Lern­be­darf der ost­west­fä­li­schen Wirt­schaft und Ande­res sprach Mari­anne Weiß für die big mit den bei­den Frauen.

Mari­anne Weiß (MW): Das Thema Frauen und Erwerbs­ar­beit ist mitt­ler­weile durch­aus auch in Per­so­nal­ab­tei­lun­gen ange­kom­men. Aber mein Ein­druck ist, dass es dort nur auf einen Teil­as­pekt redu­ziert wird, den der Ver­ein­bar­keit von Fami­lie und Beruf. Auch staat­li­che För­de­rung kon­zen­triert sich zuneh­mend auf die­sen Aspekt.

Alex­an­dra Busch (AB): Die Ver­ein­bar­keit ist ein wich­ti­ges Thema, aber es sollte nicht das sein, worin alle ande­ren Frau­en­be­lange poli­tisch auf­ge­löst werden.

Chris­tiane Ras­per (CR): Ja, ich finde es unge­recht, dass die Väter außen vor gelas­sen wer­den. Es ist natür­lich eine Her­aus­for­de­rung, mit Kin­dern zu leben und gute Arbeit zu machen. Aber das auf ein Frau­en­thema zu redu­zie­ren und es den Frauen anzu­hef­ten, ist auch für Män­ner eine Falle.

AB: Außer­dem ist es doch auch noch so, dass solch eine Redu­zie­rung über­haupt keine Ant­wort auf den sich ver­stär­ken­den Füh­rungs– und Fach­kräf­te­man­gel hier in der Region ist. Das sind flan­kie­rende Maß­nah­men: Je mehr Kita-​​Plätze für die Frauen und Män­ner, die möch­ten, dass ihre Kin­der so betreut wer­den, desto bes­ser. Aber ich kann nicht mit Ver­ein­bar­keits­po­li­tik Fach­kräf­te­man­gel bekämp­fen. Das ist ein ganz ande­res Handlungsfeld.

CR: Was es bedeu­tet, wenn aus Frau­en­po­li­tik Ver­ein­bar­keits­po­li­tik wird, haben wir im letz­ten Jahr ganz kon­kret an gestri­che­nen För­der­mit­teln für unsere Ange­bote zur För­de­rung von weib­li­chen Füh­rungs­kräf­ten gemerkt.

MW: Worum geht es beim Thema Frauen in beruf­li­chen Füh­rungs­rol­len? Was hat sich an Bera­tungs­an­sprü­chen verändert?

CR: Dadurch, dass es mitt­ler­weile mehr Frauen in Füh­rungs­po­si­tio­nen gibt — wenn auch längst nicht so viele, wie wir uns das wün­schen wür­den – wächst natür­lich die Aus­ein­an­der­set­zung mit den diver­sen Rol­len und mit kon­f­li­gie­ren­den Ansprü­chen. Will ich über­haupt in Füh­rung gehen, mich expo­nie­ren? Wie­viel Zeit will ich in mein beruf­li­ches Enga­ge­ment inves­tie­ren? Wenn ich eine Füh­rungs­po­si­tion errei­che, was bedeu­tet das dann für mich? Wel­che Bedin­gun­gen müs­sen erfüllt sein, damit ich das machen kann? Wel­che per­sön­li­chen Vor­aus­set­zun­gen brau­che ich?

AB: Das Gute ist, dass Frauen in Füh­rungs­po­si­tio­nen end­lich ein Thema gewor­den sind. Inzwi­schen hat sich her­um­ge­spro­chen, dass die deut­sche Wirt­schaft auf das Poten­zial der vie­len hoch­qua­li­fi­zier­ten Frauen nicht ver­zich­ten kann – und Frauen for­mu­lie­ren dazu ihre eige­nen Coa­ching– und Wei­ter­bil­dungs­be­darfe, die über das reine Men­to­ring weit hin­aus­ge­hen. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den neuen Mög­lich­kei­ten ergibt sich heute oft aus all­tags­prak­ti­schen oder aus Kar­rie­re­ge­sichts­punk­ten her­aus. Nicht jede Frau, die sich Gedan­ken dar­über macht, wie sie sich als Füh­rungs­kraft opti­mal posi­tio­nie­ren kann, hat einen frau­en­be­weg­ten Hin­ter­grund. Und auf der inhalt­li­chen Ebene geht es längst nicht mehr nur darum, Selbst­be­wusst­sein auf­zu­bauen und Füh­rungs­rhe­to­rik zu trai­nie­ren. Die wich­tigste Frage ist, wie Frauen genau die Füh­rungs­po­si­tio­nen in Unter­neh­men erobern kön­nen, in denen sie wirt­schaft­li­che und damit gesamt­ge­sell­schaft­lich wich­tige Visio­nen ent­wi­ckeln kön­nen – und in denen sie dann auch genug Macht haben, diese Visio­nen in die Tat umzusetzen.

CR: Unter­neh­men ste­hen nach wie vor stark in männ­li­chen Tra­di­tio­nen. Das sieht man an den Zah­len zur Unter­neh­mens­nach­folge, die zei­gen, mit wie viel Wider­stän­den ein weib­li­ches Fami­li­en­mit­glied oft zu kämp­fen hat, weil es ihm immer noch nicht zuge­traut wird, die Firma zu über­neh­men. Man erkennt es auch an Füh­rungs­ri­tua­len, die sich nicht ein­fach eins zu eins auf die neuen Zei­ten über­tra­gen las­sen. Dadurch dass heute mehr Frauen auf dem Weg in Füh­rungs­po­si­tio­nen sind, dass seit Jah­ren über Diver­si­ty­ma­nage­ment dis­ku­tiert wird, es ein Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz gibt und mehr und mehr gen­der­sen­si­ble The­men iden­tifi ziert wer­den, ver­än­dert sich auch etwas im Main­stream. Nicht nur die Frauen, son­dern auch die Unter­neh­men brau­chen neue Rituale. In der Wirt­schaft ist die Bereit­schaft, in sol­chen Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen auch eine Chance für Betriebe zu sehen, noch immer ver­hält­nis­mä­ßig gering ist. Viele Unter­neh­men, sehen kei­nen spe­zi­fi­schen Bedarf, in ihre weib­li­chen Füh­rungs­kräfte, in Diver­si­ty­ma­nage­ment, in Wei­ter­bil­dung oder Coa­ching zu inves­tie­ren. Dabei geht es nicht nur um per­sön­li­che Defi­zite, son­dern vor allem um eine über­ge­ord­nete Ebene, auf der Unter­neh­men eine neue Füh­rungs­kul­tur und ver­än­derte Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­sen eta­blie­ren. Hier haben Frauen große Stär­ken – und Män­ner kön­nen eine Menge lernen.

MW: Wie kann ich mir kon­kret vor­stel­len, daran zu arbei­ten, dass sich diese männ­li­che Kul­tur ver­än­dert? Das kann man doch nicht verordnen.

AB: Nein, das kann man nicht – auch, wenn das manch­mal schön wäre. Mitt­ler­weile zei­gen Stu­dien, dass der wirt­schaft­li­che Erfolg eines Unter­neh­mens umso grö­ßer ist, je mehr Frauen in Füh­rungs­po­si­tio­nen sind. Gender-​​Management und eine Füh­rungs­kraft­ent­wick­lung in Unter­neh­men, die geschlechts­spe­zi­fi­sche Aspekte berück­sich­tigt, sind Erfolgs­fak­to­ren, die Unter­neh­men lang­fris­tig kon­kur­renz­fä­hi­ger machen. Sie machen Unter­neh­men zudem auch huma­ner in dem Sinne, dass sich die Arbeits­be­din­gun­gen, die per­sön­li­che Zufrie­den­heit am Arbeits­platz, die Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten lang­fris­tig sowohl für Frauen als auch für Män­ner ver­bes­sern. Das ist eine Dimen­sion, die vor allem hier in der Region noch lange nicht in allen Berei­chen von Per­so­nal­ent­wick­lung ange­kom­men ist.

MW: Die ost­west­fä­li­sche Wirt­schaft muss also noch viel lernen?

CR: Wir haben Glück – die Uni­ver­si­tä­ten der Region ver­sor­gen uns mit hoch­qua­li­fi­zier­ten und hoch moti­vier­ten weib­li­chen Nach­wuchs­kräf­ten. Ost­west­fa­len als Wirt­schafts­re­gion hat jetzt die Gele­gen­heit, es als Ent­wick­lungs­chance zu begrei­fen, dass auch hier die Unter­neh­men immer mehr auf qua­li­fi­zierte Füh­rungs­frauen ange­wie­sen sind. Es braucht spe­zi­elle Pro­gramme, wenn weib­li­che Füh­rungs­kräfte erfolg­reich in Unter­neh­men ein­ge­bun­den wer­den sol­len. Gefragt sind Ange­bote aus der Region her­aus, die die wirt­schaft­li­chen Beson­der­hei­ten Ost­west­fa­lens berück­sich­ti­gen. Die Region muss sich umge­wöh­nen, man kann es ihr aber auch leich­ter machen. Natür­lich möch­ten wir auch Eigen­wer­bung machen, denn unser Pro­gramm „think lea­dership & act“ setzt genau da an. Lei­der hat die hie­sige IHK, die ja bera­tend und unter­stüt­zend sein soll, in die­ser Hin­sicht die Zei­chen noch nicht erkannt.

MW: Dafür könnte ich noch andere Bei­spiele nennen…

AB: (lacht) Ja, da ist noch viel zu tun bis sich die Erkennt­nis durch­setzt, dass sys­te­ma­ti­sche frau­en­för­dernde Per­so­nal­ent­wick­lung ange­sagt ist. Dass es für Frauen, die in der Region, blei­ben wol­len, wich­tig ist, dass es unter­stüt­zende Ange­bote gibt. Eine Frau, die in eine Füh­rungs­po­si­tion will, muss es sich aus­su­chen kön­nen, ob sie eine betrieb­li­che Wei­ter­bil­dung zum Thema Füh­rung macht, oder ob sie sich extern, auch mit Finan­zie­rung und Unter­stüt­zung ihres Betrie­bes, an Pro­gram­men betei­ligt, in denen sie noch mal ganz andere Metho­den ken­nen lernt. Das sage ich nicht nur, weil wir in unse­rer Firma so ein erfolg­rei­ches Pro­gramm ent­wi­ckelt haben, son­dern weil das auch etwas mit poli­ti­scher Hal­tung ins­ge­samt zu tun hat.

MW: Wun­der­ba­res Stich­wort für meine Abschluss­frage: Ist das Poli­tik, was Sie machen?

CR: Ja, sicher­lich. Allein der Aspekt, damit Geld zu ver­die­nen, würde uns beide nicht interessieren.

AB: Ob an der Uni­ver­si­tät, oder in unse­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen, wir haben immer poli­tisch gear­bei­tet. Unsere frau­en­ori­en­tier­ten Ange­bote, mit denen wir jetzt schon seit fast 15 Jah­ren erfolg­reich sind, ent­sprin­gen auch einem bestimm­ten poli­ti­schen Anspruch, den wir mit­ge­bracht haben, aus der Frau­en­be­we­gung und der Frau­en­for­schung. Den haben wir immer wie­der modi­fi­ziert, aber nicht auf­ge­ge­ben. Und den wer­den wir auch in Zukunft nicht aufgeben.