(aus “big — bielefeld grün”, Ausgabe September 2008)
Eine Oberbürgermeisterin für Bielefeld wäre Top-Ansprechpartnerin, würde Netze vernetzen und Frauenthemen aus dem kommunalpolitischen Schattendasein holen.
Einer meiner ersten Eindrücke in der neuen Kandidatinnenfunktion war der, dass es doch an mancher Stelle Zeit wird, neben dem Kostümchen auch die lila Latzhose wieder rauszuholen.
Die Ehrenmedaille des Verkehrsvereins wird zum zwölften Mal verliehen. Preisträgerinnen? Fehlanzeige. Über den Wissenschaftspreis der Universitätsgesellschaft entscheidet eine ausschließlich männerbesetzte Jury. Als die einzige Dezernentin der Stadt — auch in der darunter liegenden Amtsleitungsebene sind wir noch extrem unterrepräsentiert — auf die Umsetzung einer seit Jahren existierenden Dienstanweisung zum geschlechtsneutralen Sprachgebrauch pocht, schlägt dies mehr Wellen als ihre Klimapolitik. Das mögen nicht die den Alltag der Bielefelder Frauen und Mädchen besonders prägenden Punkte sein. Die liegen wohl noch immer in der Doppelbelastung (Familienarbeit gleich Frauenarbeit), der Ungleichbehandlung im Beruf (von gleichem Lohn für gleiche Arbeit sind wir weit entfernt), in der „Glasdecke” an die viele Frauen stoßen, wenn sie beruflich aufsteigen wollen, im alltäglichen Sexismus und für viele Frauen leider immer noch in Gewalterfahrungen. Was könnte eine frauenbewusste Oberbürgermeisterin dagegen tun?
Sie würde als grüne Frau auch in dieser Hinsicht besonders misstrauisch beobachtet. Sind die Grünen nicht die mit dem nervigen großen I, die mit der unzweideutigen Quotierung, die schon so manchem guten Mann den Weg verbaut hat? Die, die damals das Nachttaxi oder ein Ausgehverbot für Männer forderten. Die auch schon mal unter dem Motto „Die Zukunft der Stadt ist weiblich” angetreten waren. So könnten Ältere denken. Und außerdem wird doch jetzt so viel für die Frauen (?) getan mit dem ganzen Kinderbetreuungsausbau… Daneben könnte so manche junge Frau mit den Klagen über männliche Bedrohung und schlechte Jobaussichten für Frauen erst mal wenig anfangen. Sie sind in beinahe allen Ausbildungsgängen besser als die Jungs, ihnen steht die Welt offen. Braucht es nicht in Wirklichkeit Jungenarbeit?
Ja, die auch. Aber dennoch würde ich als Stadtchefin die Frauensachen zur Chefinnensache machen wollen. Eine Oberbürgermeisterin Weiß würde deutliche Worte dafür finden, dass die Arminia eine Werbekampagne fährt, die nicht anders als sexistisch zu bezeichnen ist. Sie würde die IHK fragen, warum sie ihre Mitglieder nicht offensiv über systematische Personalentwicklung im Hinblick auf weibliche Führungskräfte berät, warum sie sich den spezifischen Beratungsbedürfnissen von Existenzgründerinnen bisher nicht offensiv stellt.
Die Bielefelder Frauenprojektelandschaft ist reich. Es gibt Hilfs– und Beratungsangebote wie Frauen– und Mädchenhäuser, den Notruf, die Psychologische Frauenberatung, das BellZett, den Mädchentreff. Dort wird unter sehr schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen gearbeitet. Eine Oberbürgermeisterin kann kein Geld versprechen, aber sie kann zusagen, ihren Einfluss zu nutzen…
Frauenkultur — vom Frauenkulturzentrum bis hin zur Künstlerinnenvereinigung, wirtschaftsorientierte Netzwerke und unzählige Frauenstammtische etc. — es wäre eine noch größere Bereicherung für die Stadt, wenn wir uns jenseits unserer Schwerpunktsetzungen punktuell da zusammentun, wo es angebracht ist. Zusammen mit dem Frauenbüro der Stadt daran zu arbeiten, dass Glasdecken durchstoßen werden und dass der Dialog der Frauen in seiner gesamten Spannbreite geführt wird — das wär’ doch auch was, was für die Grüne Weiß spricht, oder?
