Portrait von Marianne Weiß

Foto: Adil Faitout

Marianne Weiß über LOHAS

Vom grü­nen Bie­der­meier zum umwelt­be­wuss­ten Lifestyle

Mari­anne Weiß steht zu einem neuen, gesun­den und nach­hal­ti­gen Lebens­stil, kurz: LOHAS
Ein Gespräch im Juli 2008
(aus: “LOHAS — Life­style of Health and Sus­taina­bi­lity in Bielefeld”)

„Es ist eine Mischung aus Fami­li­en­tra­di­tion, einer sehr tie­fen poli­ti­schen Über­zeu­gung und dem Stre­ben, nach­hal­tig mit unse­rer Welt umzu­ge­hen. Aber das heißt nicht Kon­sum zu ver­wei­gern, son­dern bewusst zu kon­su­mie­ren“, sagt Mari­anne Weiß und nimmt einen tie­fen Schluck aus ihrem Mine­ral­was­ser­glas. „Natür­lich ist man dabei nicht immer hun­dert­pro­zen­tig kon­se­quent“, ergänzt sie und lächelt uns mit ihren leb­haf­ten blauen Augen freund­lich an.

Moral und Ästhe­tik, Ethik und Stil­emp­fin­den, Gesund­heit und Genuss. Das sind die Gegen­sätze, über die wir hier spre­chen. Die LOHAS-​​Bewegung – die das alles plötz­lich ver­ei­ni­gen möchte.

LOHAS steht für „Life­style of Health and Sus­taina­bi­lity“, also für einen Lebens­stil, der sich durch Gesund­heits­be­wusst­sein und Nach­hal­tig­keit aus­zeich­net, aber viel „stylis­her“ daher kommt, rich­tet er sich doch an ein eher jun­ges, kon­sum­freu­di­ges Kli­en­tel, das sich aber kei­ner bestimm­ten Gene­ra­tion zuord­nen lässt.

Das bestä­tigt uns auch Mari­anne Weiß. Denn sie kennt die „Fun­dis“ der sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jahre nur zu gut. Schließ­lich ist sie Kreis­ge­schäfts­füh­re­rin der Grü­nen sowie deren desi­gnierte Oberbürgermeister-​​Kandidatin für die anste­hen­den Kom­mu­nal­wah­len in der OWL-​​Metropole Bie­le­feld und weiß um die „poli­ti­sche Über­frach­tung“ des Kon­sums aus die­ser Zeit, in der man bei­spiels­weise den bit­te­ren und äußerst magen­feind­li­chen Nicaragua-​​Kaffee trank, um sich dar­auf­hin sei­nes poli­tisch kor­rek­ten Kon­sums zu rühmen.

„LOHAS hat nichts mit einer Ein­schrän­kung an Lebens­qua­li­tät gemein“, erklärt Mari­anne Weiß beru­hi­gend. „Es hat kei­ner­lei Bezug zu den Sieb­zi­gern, dafür sind die Anhän­ger auch viel zu jung; viel­mehr geht es um eine Ästhe­ti­sie­rung, schö­nes Design, um Genuss­freu­dig­keit, aber eben immer um einen bewuss­ten und damit sorg­fäl­ti­gen Genuss.“

Mari­anne Weiß‘ Lebens­stil und Auf­tre­ten spie­geln das wider, wovon sie spricht. Bio­le­bens­mit­tel: ja, Natur­kos­me­tik: klar!, wal­lende Ökoge­wän­der: nein. Denn das ist gerade nicht Teil die­ser Phi­lo­so­phie. Statt­des­sen kauft Mari­anne Weiß ihre Klei­dung, der man ihre Öko-​​Herkunft übri­gens kei­nes­wegs ansieht, bei „Ökode­si­gnern“ wie „hess­na­tur“ oder „Maas“, die im Regel­fall nicht gerade güns­tig sind. Meis­tens bestellt Frau Weiß im Inter­net, denn Natur­mo­de­lä­den gibt es noch lange nicht wie Sand am Meer, eher in Bal­lungs­ge­bie­ten wie Mün­chen oder Hamburg.

Ganz im Gegen­satz zu den vie­len Bio­le­bens­mit­tel­ge­schäf­ten, die nur so aus dem Boden zu sprie­ßen schei­nen. „Bio­le­bens­mit­tel sind mehr als nur ein Trend, das sieht man am Wachs­tum die­ses Mark­tes in den ver­gan­ge­nen Jah­ren, das durch Super­markt­ket­ten wie Edeka oder Rewe sicher noch for­ciert wurde“, bilan­ziert Frau Weiß. Sie warnt aller­dings davor zu glau­ben, über­all wo „Bio“ drauf steht, sei auch „Bio“ drin. Sie ginge lie­ber auf den Markt und kaufe sich fri­sches Obst und Gemüse, natür­lich vom Bio­bau­ern oder aber auf dem Bio­bau­ern­hof vor Ort. Denn auch in der Region haben viele Bio­land­wirte eigene Hof­lä­den. Um das bekann­ter zu machen, haben die Grü­nen in Bie­le­feld einen „ökolo­gi­schen Ein­kaufs­füh­rer“ her­aus­ge­ge­ben, den man sich unter ande­rem auf dem loka­len Inter­net­por­tal www.gruene-bielefeld.de her­un­ter­la­den kann.

Aber ist es nicht auch sehr zeit­auf­wän­dig immer alles frisch zuzu­be­rei­ten? Gerade in einer hek­ti­schen Zeit, in der man zudem sowieso schon Bio-​​Fast Food bekommt? „Sicher hat man nicht immer die Zeit groß­ar­tig zu schnib­beln“, sagt Mari­anne Weiß, „das gebe ich zu, aber die Frage ist ja viel­mehr, wie ich meine Prio­ri­tä­ten setze, um die gesunde Kost in mei­nen All­tag zu inte­grie­ren.“ Wir fra­gen, ob sich das auch auf die Kos­ten bezieht. Kann man die auch je nach Prio­ri­tät inte­grie­ren, wenn man bei­spiels­weise mit einem „Hartz IV“-Auskommen oder ruhig auch etwas mehr eine vier– oder fünf­köp­fige Fami­lie ernäh­ren muss? Frau Weiß zögert einen Moment, dann ant­wor­tet sie: „Fer­tige Bio-​​Gerichte sind in der Regel recht teuer, das stimmt, aber die braucht man ja auch gar nicht, und ja, man kann sich auch mit einem klei­ne­ren finan­zi­el­len Spiel­raum sehr gesund und nach­hal­tig ernäh­ren. Als Fami­lie kann man ins­ge­samt in den LOHAS-​​Lebensstil hin­ein­wach­sen. Es geht darum Ent­schei­dun­gen zu treffen.“

Mari­anne Weiß bestä­tigt uns, dass es sich nicht um ein strin­gen­tes Lebens­mus­ter han­delt, aber es sei „ein Faden, an dem man sich ori­en­tiert“. Mit dem LOHAS-​​Angebot in Bie­le­feld ist sie nicht ganz zufrie­den. Zum Bei­spiel eine Ökobank und eine adäquate Bio-​​Bar feh­len ihrer Ansicht nach. Im ökologisch-​​nachhaltigen Bereich sieht sie die Wirt­schafts­märkte der Zukunft – ins­be­son­dere für den Mit­tel­stand und Anle­ger von Ökofonds. Auch eine Mora­li­sie­rung der Wirt­schaft sei grund­sätz­lich mög­lich, schließ­lich sei der öffent­li­che Ein­fluss gege­ben, jeder Umwelt– und Sozi­alskan­dal schade den gro­ßen Unter­neh­men und zwinge sie zur Umkehr, siehe „Nike“ und „Esprit“.

Was den Umwelt­schutz betrifft, ist Mari­anne Weiß nicht fun­da­men­tal gegen das Flie­gen und den bekannt­lich damit ver­bun­de­nen immen­sen CO2-​​Ausstoß. „Das Maß ist ent­schei­dend. Ich fliege auch in den Urlaub oder fahre mal eine sinn­lose Stre­cke mit dem Auto und nehme nicht das Fahr­rad.“ Es sei eben eine Lebens­weise, die auch ihre „Aus­frans­un­gen“ habe, aber ein über­zeug­ter und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­ter LOHAS-​​Anhänger sage nicht „Nach mir die Sint­flut“. Und dann sagt Frau Weiß etwas, das man auch auf LOHAS-​​Internetportalen wie www.ivyworld.de oder www.utopia.de lesen kann: Es geht darum, der nach­fol­gen­den Gene­ra­tion eine Welt zu über­las­sen, in der es sich lohnt zu leben. Daher sei es eine Pflicht nach­hal­tig zu leben. Dazu gehöre eben auch, dass jedes Indi­vi­duum auf seine per­sön­li­che CO2-​​Bilanz und den Ener­gie­ver­brauch achte. Das könne man gerade inner­halb einer Fami­lie auch vorleben.

Zum Schluss wol­len wir noch wis­sen, warum das LOHAS-​​Milieu eigent­lich so wenig mit der Grünen-​​Partei in Ver­bin­dung gebracht wird. Mari­anne Weiß sieht hier vor allem ein media­les Pro­blem: „Ich sage Ihnen, wenn auf einem Par­tei­tag mit meh­re­ren hun­dert Per­so­nen nur drei Frauen in wal­len­den Ökoklei­dern ihr Strick­zeug her­aus­ho­len, wird genau die­ses Bild ein­ge­fan­gen und taucht spä­ter in den Medien auf“. Das habe sie sel­ber getes­tet, indem sie beim letz­ten Mal auch Strick­zeug her­aus­holte und sofort die Kame­ras auf sie gerich­tet gewe­sen seien. Frau Weiß räumt aber auch ein, dass es an den par­tei­in­ter­nen Ver­hal­tens­wei­sen läge. Viele Grüne ach­te­ten nicht genü­gend auf einen nach­hal­ti­gen Lebens­stil und wür­den somit auch keine Vor­bild­funk­tion ein­neh­men. Gene­rell gebe es aber keine Aus­rede: Beson­ders die gut bis bes­ser Ver­die­nen­den seien ver­pflich­tet nach­hal­tig zu konsumieren.

Auf­grund ihrer Arbeit schwingt bei Mari­anne Weiß immer auch der poli­ti­sche Gedanke mit, schließ­lich möchte sie ökolo­gi­sche Gedan­ken noch mehr in der Poli­tik ver­an­kert sehen. Klar wird aber auch: Eine ganz klare Abgren­zung und per­so­nelle Defi­ni­tion eines Men­schen, der sich zu einem nach­hal­ti­gen, aber kon­sum­freu­di­gen Lebens­stil bekennt, gibt es nicht.

Wird es den Rum­mel um die LOHAS-​​Bewegung also auch in Zukunft geben? „Der Hype wird sich nicht hal­ten, aber die Basis bleibt“, ver­si­chert uns Mari­anne Weiß.